Donnerstag, 23. Juni 2011

Balance I: Wie stehe ich?

Ich habe mich gefragt, was ich sagen würde, wenn ich nur eine Antwort auf die folgende Frage geben dürfte: "An welchem Bewegungs-Aspekt soll ich arbeiten, um die schnellsten Fortschritte im Tango zu machen?"

Ist es das Gehen? Die Umarmung? Oder eine ganz spezielle "magische" Schrittfolge? Oder ist es die Musik (der antik-griechische Musikbegriff „mousiké“ umfasste übrigens die Einheit von Wort, Ton und Bewegung)?

Es gibt Menschen, die kommen zum Tango und machen unheimlich schnell Fortschritte. Sie lernen die Grundlagen in kürzester Zeit und erreichen sehr schnell eine Versiertheit, für die andere oft Jahre benötigen. Was ist ihr Geheimnis?

Balance. Dynamische Balance.

Für dynamischer Balance genügt es nicht, lediglich auf einem Bein stehen zu können (das ist auch schonmal ganz gut), sondern ich muss meine Balance auch beibehalten können, wenn ich anfange, mich zu bewegen (obwohl ich mich vielleicht nicht vom Fleck bewege).

Und dann wird aus Balance Aktionsbereitschaft (Moshé Feldenkrais hat dafür das Wort Acture geprägt = Action + Posture): die Bereitschaft, sich zu jedem Zeitpunkt ohne weitere Vorbereitung in jede Hauptrichtung bewegen zu können.

Machen wir eine kleine Bestandsaufnahme, wie's um die persönliche dynamische Balance bestellt ist. Das Maß unserer Balance lässt sich auf gut anhand von 3 Dimensionen einschätzen:
  • Größe und Form der Unterstützungsfläche. Wie groß ist die Fläche, auf der ich stehe? Welche Form hat sie? Je breiter ich stehe, desto größer wird diese Fläche, desto mehr Spielraum hat mein Schwerpunkt nach rechts und links, desto weniger kommt es auf Balance an. Je mehr ich nur auf dem Vorderfuß stehe, desto weniger Spielraum habe ich nach vorn und hinten.
  • Stehen oder Bewegen. Stehe ich eher ruhig oder bewegen sich einzelne Körperteile im Verhältnis zueinander? Für unseren Tango-Kontext ist es geeignet, die Hände gefalten oben auf den Kopf zu legen und den ganzen oberen Bereich aus Schultern, Kopf und Armen gemeinsam nach rechts oder links zu drehen. Das bringt eine Verdrehung im Rumpf mit sich und somit ziemlich viel Bewegung in den Körper hinein ...
  • Augen offen oder geschlossen. Mit geschlossenen Augen schalten wir einen wichtigen Aspekt der Orientierung und Balance aus. Wir können uns dann nur noch auf unser Körpergefühl und unser Gleichgewichtsorgan verlassen.
In der folgenden Tabelle finden sich diese Dimensionen wieder. Wie wär's mit einer kleinen Probe, wie's heute so aussieht? In dieser Tabelle lässt sich eintragen, wie der Stand der Dinge ist.


1. Ruhig Stehen
(Augen offen)
2. Körper verdrehen (Augen offen)
3. Ruhig Stehen
(Augen zu)
4. Körper verdrehen (Augen zu)
A. Füße schulterbreit




B. Füße in Kontakt nebeneinander




C. Füße gekreuzt




D. Füße voreinander auf einer Linie




E. Auf einem Fuß
L
R
L
R
L
R
L
R
F. Auf Fußballen eines Fußes
L
R
L
R
L
R
L
R

Ich schlage vor, in jedes Feld einen von drei Werten einzutragen:
  • :-) Entspannt. Atmung ruhig und frei. Kann problemlos lange Zeit beibehalten werden.
  • :-| Angespannt. Atmung unruhig oder eingeschränkt. Etwas wackelig, aber Balance kann wieder gefunden werden.
  • :-( Angespannt. Atmung eingeschränkt oder gar keine Aufmerksamkeit für Atmung übrig. Führt nach kurzer Zeit zum Umfallen.
Die Herausforderung steigert sich auf den beiden Dimensionen A-F und 1-4.

Es ist sehr lohnend, eine eigene Bestandsaufnahme zu machen, denn von dort ergibt sich, woran man als nächstes üben kann, so dass man eine kontinuierliche Verbesserung erreicht. Balance-Übungen, die unmittelbar die schwierigste Stufe anstreben (F4), sind ziemlich sinnlos, weil sie überfordern statt zu einer Verbesserung beizutragen.

Ich wäre jetzt ja ganz neugierig, welcher Stand da so bei einzelnen Menschen herauskommt. Vielleicht schreibt ja der eine oder die andere dazu mal etwas in einen Kommentar ...

In den folgenden Blog-Posts beschäftigen wir uns dann damit, wie man hiervon ausgehend effektiv den bequemen Balance-Bereich ausbauen kann. :-)